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Abseits der Hipness-Hitparaden (Teil 4): Darum mal nach Girona fahren


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Mit dem schillernden Image von Barcelona kann die Stadt im Hinterland von Katalonien zwar nicht konkurrieren. Trotzdem ist ein Abstecher nach Girona nicht nur „Game of Thrones“-Anhängern zu empfehlen, die hier Drehorte der gefeierten Fantasy-Fernsehserie besichtigen können.

Für einen Augenblick huscht über Cersei Lannisters versteinerte Miene ein Strahlen der Genugtuung. Von ihrem Zimmer im Roten Bergfried beobachtet die gedemütigte Königinmutter, wie ihr Racheplan aufgeht. Inmitten von Königsmund zerbirst die Große Septe von Baelor – jener Tempel, in dem sie gerade jetzt zur Verhandlung ihrer Sünden antreten sollte. Vor dem Panorama der Stadt an der Schwarzwasserbucht versinkt der Sakralbau in graugrünen Rauchschwaden. Cersei nimmt einen Schluck aus dem Rotweinkelch. Nach ihren Berechnungen hat der Sprengstoffanschlag gleich einen ganzen Schwung von Erzfeinden beseitigt.

Wer nicht zu den Zuschauern der erfolgreichsten TV-Serie aller Zeiten gehört: Die Sequenz stammt aus der finalen Folge der sechsten Staffel von „Game of Thrones“. Als Kulisse für die Episode namens „The Winds of Winter“ diente Girona in Spanien. Oder genauer: zumindest für einige Einstellungen. Denn für die Inszenierung der mittelalterlich-fantastischen Bilderwelten nach der Romanvorlage „A Song of Ice and Fire“ von George R. R. Martin sind die Macher der Big-Budget-Produktion aus der US-Serienschmiede HBO zu den unterschiedlichsten Orten ausgerückt. So zum Beispiel nach Island und Nordirland, um die nördlichen Gefilde des Kontinents Westeros und die Eiseninseln nachzustellen. Für die südlicheren Gebiete des Fantasykosmos wurde auf Malta, in Kroatien, Marokko und Spanien gedreht. Königsmund, die Hauptstadt der Sieben Königslande auf Westeros, ist eine Komposition aus gleich mehreren Originalschauplätzen: Von der kroatischen Küstenstadt Dubrovnik wurde die Silhouette samt Stadtmauer geborgt, von Mdina auf Malta das Stadttor und von Girona die Kathedrale Santa Maria als Modell für die Große Septe von Baelor.

Unternimmt man einen Ausflug nach Girona im Nordosten von Katalonien und beginnt die Besichtigung mit einem Spaziergang auf der Stadtmauer, dann stellt man fest: In gutem Zustand thront die Kathedrale Santa Maria in der Altstadt. Anders als die Große Septe von Baelor hat sie keine Kuppel und nicht mehrere Türme, sondern nur einen Turm. Das Dächermeer drumherum ist nicht rostrot wie in der Serie, sondern ockerfarben. Und anders als Cersei Lannister sieht man im Hintergrund des Gotteshauses nicht ein dunstiges Meer, sondern die Ausläufer der Pyrenäen. Je nach Anzahl und Dauer der Fotostopps gelangt man über die Stadtmauer, deren älteste Teile auf die Zeit der römischen Herrschaft datieren, in etwa einer halben Stunde hinunter zur Plaça de Catalunya am Fuße des Kapuzinerbergs.

Von den Balkons um den Platz hängen katalanische Flaggen, die von den Abspaltungsbestrebungen der spanischen Provinz künden. Deren Hauptstadt Barcelona stellt für Girona aus touristischer Perspektive allerdings mehr eine Konkurrentin als eine Verbündete dar. Während sich Barcelona vor Besuchern kaum retten kann, hat Girona noch Entwicklungspotenzial bei den Übernachtungszahlen. Zwar verfügt die knapp 100.000 Einwohner zählende Stadt sogar über einen eigenen Flughafen. Doch viele Urlauber fahren gleich weiter zu den Ferienorten an die rund 30 Kilometer entfernte Costa Brava oder eben nach Barcelona. Der „Game of Thrones“-Hype ist deshalb eine willkommene Möglichkeit, um zusätzliche Gäste zu gewinnen. So haben die Souvenirshops von Girona inzwischen auch Fan-Artikel im Angebot, man kann mit einem Statisten der Serie einen Rundgang zu den Drehorten unternehmen und in der Eisdiele Rocambolesc ein Blutorange-Mango-Eis schlecken, das der goldenen Handprothese von Jaime Lannister nachempfunden ist. Das mag ein wenig makaber klingen, aber „Game of Thrones“-Anhänger sind auch einiges gewohnt.

Im Schnelldurchlauf geht die Mammutserie so: Eine unübersichtliche Anzahl von Adelsgeschlechtern, Institutionen und Volksgruppen taktiert, paktiert und massakriert, was das Zeug hält. Die Machtkämpfe drehen sich um den Eisernen Thron, auf dem viele Akteure unbedingt Platz nehmen wollen, obwohl diese aus Schwertern geschmiedete Sitzgelegenheit ganz und gar unbequem aussieht. Am laufenden Band werden Schwüre geleistet und gebrochen, Kehlen aufgeschlitzt und Köpfe aufgespießt, um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen. Zugleich bedroht eine Armee von Untoten nördlich des jahrtausendealten Schutzwalls den Kontinent, und der nahende Winter sorgt mit eisigen Winden für Weltuntergangsstimmung. Die Winter auf Westeros sind nicht nur gnadenlos, sie können sich auch über Jahrzehnte hinziehen. Statt angesichts der existenziellen Gefahren die Kräfte zu bündeln, wird allerorten weiter geschachert, gezecht, gehurt und gemetzelt. Dabei erwischt es immer wieder auch zentrale Figuren – Helden, Hasenfüße, Edelmütige, Ränkeschmiede, Blaublütige, Bastarde, ganz egal. „Game of Thrones“ ist kein Schwarz-Weiß-Scharmützel zwischen Gut und Böse. Die Botschaft lautet vielmehr: Es kann jeden zu jeder Zeit treffen. Weder Furchtlosigkeit oder Frömmigkeit noch Gerissenheit oder Grausamkeit erweisen sich in dem Hauen und Stechen als sichere Überlebensstrategien. Schon nach wenigen Folgen ist klar, dass man es nicht mit einem Kunstmärchen zu tun hat, das sein Publikum mit einem kuscheligen Gefühl entlässt, sondern mit einer Parabel auf die komplexe Wirklichkeit.

Ein Spaziergang auf der alten Stadtmauer ist perfekt, …
… um sich einen ersten Überblick über Girona zu verschaffen.
Bis zu den Ausläufern der Pyrenäen reicht der Blick.

In Girona herrscht an diesem Tag im September schönstes Spätsommerwetter. Über der Plaça de Catalunya leuchtet der Himmel babyblau. Durch die von Bäumen und Cafés gesäumte Rambla de la Llibertat erreicht man alsbald den mittelalterlichen Kern der Stadt – ein Gassengewirr mit Fassaden, die teilweise so eng zusammenstehen, dass kaum Licht nach unten dringt. Jahrhundertelang lebte hier eine der größten jüdischen Gemeinden des Mittelmeerraums. Nach deren Vertreibung machten sich Kleinkriminalität und Bordelle breit. Erst ein Neugestaltungsprojekt ab den 1980er Jahren führte dazu, dass „El Call“ heute als eines der am besten erhaltenen jüdischen Viertel in Europa gilt. Beim Durchstreifen des fast vollständig autofreien Labyrinths mit Torbögen, Treppen und schmiedeeisernen Balkons versteht man, warum Girona schon in vielen Historienfilmen mitspielte. Unter anderem entstanden hier Szenen für die deutsche Literaturverfilmung von „Das Parfum“, den spanischen Thriller „Agnosia“ und den französisch-spanischen Inquisitions-Thriller „Der Mönch“.

In „Game of Thrones“ taucht die katalanische Stadt mehrfach auf: mit der Kathedrale als Große Septe, mit dem romanischen Benediktinerkloster Sant Pere de Galligants, das zur Zitadelle von Altsass wird, und mit den Arabischen Bädern, die in der Fantasysaga im Stadtstaat Braavos stehen. Auf der Flucht vor einer messerschwingenden Antagonistin tastet sich Arya Stark durch die Dämpfe in den Banys Àrabs, die im 12. Jahrhundert nach dem Vorbild orientalischer und römischer Badehäuser in Girona errichtet wurden. Die Verfolgungsjagd geht weiter durch die Gassen von Braavos beziehungsweise Girona, bis Arya stürzt und mit Obst- und Gemüsekörben vor einer Kirche die Treppen hinunterkullert. Es ist die barocke Kirche Sant Marti in Girona. Die Stationen von Aryas Spurt lohnen alle einen Besuch, nur sollte man dafür ein Schlendertempo wählen.

Folgt man im Viertel „El Call“ der Carrer de la Força, steht man – abzüglich aller Abstecher in Buchhandlungen, Geschenkboutiquen und Cafés – wenige Minuten später auf der Plaça de la Catedral. Von hier wirkt das Bauwerk zwar um einiges gewaltiger als von der Stadtmauer, aber trotzdem nicht so größenwahnsinnig wie die Septe von Baelor. Fast ein halbes Jahrtausend wurde an der Kathedrale Santa Maria gebaut: Der Glockenturm und der Kreuzgang sind romanisch, das Kirchenschiff gilt als eines der größten gotischen der Welt, die Fassade und die 90 Stufen zählende Freitreppe sind barock. Es heißt, dass einmal jemand mit der Fliehkraft der Kirchenglocke experimentiert habe, woraufhin sie auf die Straße gedonnert sei. Auch in „Game of Thrones“ kracht eine Glocke herunter, als Cersei Lannister die Septe in Schutt und Asche legt, anstatt zum Prozess zu erscheinen. Seriengucker wissen, dass Verhandlungen stets nur ein Euphemismus für verzögerte Hinrichtungen sind, und weil auch Cersei das weiß, fädelt sie das Sprengstoffattentat ein. Irgendwo unterhalb der Kathedrale Santa Maria müsste sich der Eingang zu dem Kellergewölbe befinden, in dem die Fässer mit dem Seefeuer lagerten. Die hochentzündliche Flüssigkeit wurde von der Gilde der Alchemisten nach einer geheimen Formel hergestellt – ursprünglich für den Kriegseinsatz und nicht für den Rachefeldzug einer machtversessenen Intrigantin.

Ganz von dieser Welt ist der rote Touristenzug, der gerade über die Plaça de la Catedral zuckelt. In Girona lohnt sich die Fahrt mit der Bummelbahn noch weniger als anderswo, denn in die schönsten Ecken der treppendurchzogenen Altstadt kann man sich nur zu Fuß verirren. Wer schon weiß, dass er ein zweites Mal nach Girona kommen will, sollte noch einen Schlenker zur Basilika Sant Feliu unternehmen. Dort begrüßt seit vielen Jahrhunderten eine steinerne Löwin die Besucher der Stadt – erst im Original, heute als Duplikat. Küsst man die Raubkatze, die recht unmajestätisch an einer Säule klammert, aufs Hinterteil, so darf man sich sicher sein, irgendwann nach Girona zurückzukehren. Sollte man sich aus hygienischen Gründen oder Zweifeln an der Legende gegen den Schmatzer entscheiden, so kann man sich zumindest am Anblick der Basilika erfreuen, die wie die Kathedrale Santa Maria romanische, gotische und barocke Elemente aufweist.

In der Altstadt von Girona setzen sich manche Gassen …
… nur als Treppen fort.
Die Kirche Sant Marti diente als Kulisse für eine Szene in Braavos …
… und die Kathedrale Santa Maria als Modell für die Septe von Baelor.

Von Sant Feliu ist es nicht weit bis zum Rio Onyar, der zwischen der Altstadt und dem neueren Viertel Mercadal verläuft. Mehrere Brücken verbinden die beiden Stadtteile. Der interessanteste Übergang ist die 1876 von Gustave Eiffel erbaute Pont de les Peixateries. Von der rot gestrichenen Eisenkonstruktion lassen sich die bunten Häuser, die den Fluss säumen und wie pointillistische Gemälde auf dem Wasser tanzen, hervorragend fotografieren. Für Cineasten bietet sich nun ein Besuch des Museu del Cinema in der Carrer de la Sèquia an. Die Ausstellung führt vor Augen, was den Animationstechniken, mit denen sich heute solche Fantasywelten wie „Game of Thrones“ samt Riesendrachen, Eiszombies und fluoreszierendem Seefeuer erschaffen lassen, alles vorausgegangen ist. Zu den Exponaten zählen Camerae obscurae, Laternae magicae und Gerätschaften der Kinopioniere Auguste und Louis Lumière.

Über die Carrer de Santa Clara kommt man zum elegantesten Platz von Girona, der von neoklassizistischen Fassaden umringten Plaça de la Independència mit Restaurants und Caféterrassen unter Arkaden. In der Mitte steht ein Denkmal, das an die Besetzung durch Napoleons Truppen im Jahre 1809 erinnert. Vor den Franzosen wurde die Stadt auch schon von den Römern, Westgoten, Mauren und Franken belagert, 25-mal alles in allem, aber nur in sieben Fällen gelang die Einnahme. Nachdem man nun die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abgeklappert hat, sollte man nicht wie so viele Tagestouristen den Fehler begehen, Girona schon den Rücken zuzudrehen. Denn erst in den Abendstunden, wenn Laternenschein die Gemäuer erhellt, offenbart die Stadt ihren ganzen Charme.

Die Spiegelungen auf dem Wasser des Rio Onyar sehen wie pointillistische Gemälde aus.
Mehrere Brücken führen über den Fluss, darunter auch eine Konstruktion von Gustave Eiffel.
Gironas elegantester Platz: die Plaça de la Independència
Fotos: pa

GIRONA MIT UND OHNE „GAME OF THRONES“
Allgemeine Informationen zur Stadt bietet das Tourismusbüro von Girona unter http://www.girona.cat/turisme/eng/. Fans von „Game of Thrones“ können bei dem Erlebnisanbieter Get your Guide einen 90-minütigen Stadtspaziergang buchen. Wer auf eigene Faust zu den Drehorten streifen will, kann sich an dieser Karte orientieren: http://watchersonthewall.com/wp-content/uploads/2015/08/Girona-filming-map.jpg

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